Liebe eat.READ.sleepies!
Es ist schon wieder passiert.
Auf Seite 66.
Plötzlich muss ich weinen.
Bei
Dörte Hansens Roman "Broder".
Dabei ist es eigentlich eine ganz kleine, harmlose Szene: Die alte Marga Bahnsen träumt in ihrem Pflegebett noch einmal vom Singen. Und dann singt für sie für sich ein altes Volkslied, an dessen Text sie sich noch erinnert. Oh Mann. Da kriege ich noch jetzt beim Schreiben einen Kloß im Hals.
Auch im Studio zitterte meine Stimme.
Fünf Zeilen - und ich bin durch den Wind. Why?
Ich weeeeeeiß, von uns beiden im Podcast bin ich der, der eher Zimmer mit Meerblick bucht, aber es ist ja nicht so, dass es mich ständig hinwegtrüge und ich schon prophylaktisch Taschentücher beim Lesen bereithalten müsste. Sicher kommen gerade auch jahreszeitliche Faktoren dazu (meteorologisch und sonnenstandsmäßig ist der Herbst für mich eine einzige Melancholie-Wolke), aber auch im Sommer gibt es immer wieder Lesemomente, die mich plötzlich ergreifen und nicht loslassen. Ich denke dann manchmal: "Daniel! Es sind nur ausgedachte Figuren! Atme!" Aber das ist ja genau der Punkt. Wenn es gut ist, hat es Puls.
Vielleicht ist das Weinen eine besonders ehrliche, wenn nicht die ehrlichste weil persönliche Form der Literaturkritik. Es geht dann mal nicht um eine wortgewaltige Rezension im Kulturteil, eine Analyse der Erzählperspektive oder das Abklopfen auf shortlistverdächtigen literarischen Gehalt, sondern um Resonanz. Es gibt ja Influencer (m/w/d), die sich weinend beim Lesen filmen: "Ich habe durchgeheult" als Kaufempfehlung. Bücher mit Tränen-Garantie. Aber so einfach ist es dann auch nicht. Das Weinen sagt ja immer mehr über uns als über den Autor oder die Autorin.
Die meisten Bücher meines Lebens habe ich wohl schon vergessen. Ans Weinen beim Lesen erinnere ich mich. An jedes einzelne Mal! An Margaret Cravens "Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen", das mich als Jugendlicher berührt hat. Wie ich völlig derangiert auf den letzten 100 Seiten von "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara im Büro anrief und sagte, ich müsse erst noch den Rest lesen, bevor ich kommen könne. Der Abschied für immer in Franz Werfels "Höret die Stimme" ist auch unvergesslich geblieben. Und als ich in der Muckibude in Hamburg-Rothenburgsort mit mehr Testosteron als Sauerstoff in der Luft auf dem Indoor-Bike saß, hoffte ich, dass die Tränen gerade als Schweißtropfen durchgehen.
Helga Schubert war Schuld.
Von Verlusten, von Träumen und ihrem Versanden erzählen die Geschichten, die mich zu Tränen rühren. Interessant. Indem ich in diese Bücher eintauche, lerne ich mich auch ein bisschen besser kennen. Das ist mein Motto für den Herbst: Mehr Tränen wagen. Auch beim Lesen. Dann sieht man ein bisschen klarer. Vor allem sich selbst.
Die Taschentücher sind allerdings knochentrocken geblieben, als ich gerade für die nächsten Folgen schon ziemlich dicke Bücher in Angriff genommen habe. Die sind noch nicht erschienen, aber landen garantiert ganz oben auf der Bestsellerliste (Hinweis: südlicher Körperteil in zehnfacher Ausführung). Darüber wird zu reden sein, und ich habe schon alle von Katharinas Versuchen, über Juli Zehs "Pony Show" zu reden, erfolgreich abgewehrt. Wir wollen uns ja mit unseren Meinungen wirklich überraschen.
Neulich hatten Katharina und ich einen wunderbaren Interviewtermin in der Sonne. Wir haben zum ersten Mal einen unserer Lieblingsautoren getroffen:
Alex Schulman. Danach sind wir honigkuchenpferdartig grinsend und seufzend durch die Stadt geradelt. So ein sympathischer Typ! Das Interview hört ihr sehr bald in einer Folge. Hier gibt es schon mal als
Sneak Preview einen kleinen Bericht, den ich für meine Kultursendung im Radio bei NDR 90,3 gemacht habe. Bei eat.READ.sleep. wird es dann um noch einmal andere Themen geben. Aber Newsletter-Abonnenten sollen ja auch einen kleinen Vorteil haben.
Ihr wisst ja, dass Klassiker auch bei uns immer wieder eine Heimat finden. Bestimmt wird die "Blechtrommel" von Günter Grass zu dessen 100. Geburtstag im kommenden Jahr auch mal eine Rolle bei eat.READ.sleep. spielen. Mit dem Roman hat Grass ja damals mit Furor Nachkriegsdeutschland wachgetrommelt. Heute, merke ich, hat Grass es nicht mehr ganz so leicht, mit Vergnügen und Selbstverständlichkeit gelesen zu werden. Literaturnobelpreis hin oder her! Das Lübecker Günter-Grass-Haus ist allerdings ein richtig spannender, kreativer, unterhaltsamer, Lust auf Grass machender Ort. Um junge Leute für seine Bücher zu interessieren,
startet NDR Kultur gemeinsam mit dem Günter-Grass-Haus jetzt eine besondere Aktion. In der Schule sollen sie "Die Blechtrommel" lesen und dann ein Video drehen - nach dem Motto: Was könnte heute eine "Blechtrommel" sein, der Weckruf gegen das Wegsehen und Vergessen? Promi-Pate unserer Grass Challenge ist der Schauspieler Jannik Schümann (“Sisi“).
Am Wochenende habe ich mal ausnahmsweise keine Predigt und keine Moderation. Ich verbringe die Tage im Lese-Retreat an der Ostsee. Mit Bonnie Garmus, Titus Müller und ein paar Krimis (unsere Sause beim Krimifestival steht praktisch vor der Tür.
Sichert euch hier schnell noch Tickets! Das wird super.
Vielleicht sehen wir uns am nächsten Wochenende bei unserer Live-Show in Berlin. Wir würden uns freuen, Euch zu treffen!
Alle Infos zu den Live-Terminen haben wir hier für euch aufgelistet. Viele Freude beim Lesen und beim Hören,
Euer Daniel